Bilderbücherfabrik Löwensohn – Jüdische Unternehmen in Fürth

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POSTKARTE VON FÜRTH UM 1890 – SCHLÖTE DER ZAHLREICHEN FABRIKEN DOMINIEREN DAS STADTBILD

 

Gerson Löwensohn
FIRMENGRÜNDER GERSON LÖWENSOHN (→BILDNACHWEIS)

Besonders jüdische Unternehmen prägten Anfang des 20. Jahrhunderts die Stadt der tausend Schlöte, wie der bekannte jüdische Schriftsteller Jakob Wassermann (1873 – 1934) seine Heimatstadt 1921 in seiner Autobiographie beschrieb.

Viele Kaufleute und Handwerker entwickelten sich in diesen Jahren zu Unternehmern und Fabrikbesitzern, die in großem Maßstab Konsumgüter produzierten.

Vor allem die Spiegelindustrie wurde neben der Bronzeherstellung zum dominierenden Industriezweig und war fast vollkommen in jüdischer Hand. Auch zahlreiche Papierfabriken und Druckereien wie die jüdischen Firmen Wilhelm Stern & Co. oder J. W. Spear & Söhne bildeten sich in dieser Zeit. Eine herausragende Stelle nahm auch die Bilderbücherfabrik Löwensohn mit ihrem Verlag ein.

Sternstraße 19 Bilderbücherfabrik Löwensohn
Firmensitz der Bilderbücherfabrik in der Sternstraße 19 (→Bildnachweis)

1844 erhielt der Kupferstecher Gerson Löwensohn (1817-1871) die Lizenz für eine Kupferdruckerei, die spätere Bilderbücherfabrik Löwensohn. Acht Jahre darauf absolvierte er 1852 zusätzlich eine Ausbildung zum Lithographen und verlegte die Firma, die sich nun Lithographische Kunstanstalt G. Löwensohn nannte, in die Sternstraße 19 in der Fürther Altstadt. Später spezialisierte sich Gerson Löwensohn auf den Druck und Verkauf von Bilderbögen, Kinder- und Bilderbüchern und legte 1865 zusätzlich, um seine Produkte besser verkaufen zu können, noch eine Buchhändlerprüfung ab. Vier Jahre später führte er zusätzlich noch den Farbdruck ein. ¹

Mit dem Tod von Gerson Löwensohn 1871 ging die Bilderbücherfabrik Löwensohn in den Besitz seiner beiden Söhne Theodor und Bernhard Löwensohn (1849 – 1910) über, die in den folgenden Jahren den Verlag, sowie die hinzugekommene Buchhandlung, weiter ausbauten. Bernhard Löwensohn beschrieb diese Schritte zur Vergrößerung des Unternehmens 1894 in seiner Rede anlässlich den 50-jährigen Firmenjubiläums:

Im Jahr 1876 verlegten wir unser Geschäft nach der Blumenstraße in ein mit großen Räumen ausgestattetes Haus, in welchen Lokalitäten wir auch unsere erste Schnellpresse mittelst Gasmotor betrieben, aufstellten. Nun bekam die Fabrikation ein anderes Bild: aus dem Handwerksbetrieb wurde ein Fabrikbetrieb, anstatt einer täglichen Leistung auf der Handpresse von 400 Abdrücken konnte man auf der Schnellpresse 3.000 herstellen. Zu gleicher Zeit errichteten wir eine Buchbinderei und kurz darauf eine Buchdruckerei in unserem Hause, so dass mit Ausnahme des Papiers und der Pappen die vollständige Herstellung der Bilderbücher im [!] unserem Hause erfolgte. […] Jede einzelne Handleistung, die früher viel Zeitaufwand erforderte, wurde nun soweit als möglich durch sinnreich ausgedachte Maschinen bewerkstelligt.“ ²

Bereits einige Jahre später machte der große Erfolg der Firma einen erneuten Umzug in größere Fabrikgebäude nötig. In der Fürther Oststadt ließ man nun von dem Fürther Architekten in der Sommerstraße einen prächtigen Neubau.

„Die neue Fabrik war mit allen technischen Verbesserungen ausgestattet und war damals eine der wenigen […] in Fürth und Nürnberg, die eine elektrische Beleuchtung hatten.“ ²

Da erst ab 1902 ein eigenes städtisches Elektrizitätswerk gab, wurde die Fabrik mit eigenen Generatoren betrieben.

Briefkopf Bilderbücherfabrik Löwensohn
Briefkopf der Bilderbücherfabrik Löwensohn (→Bildnachweis)

 

Logo Spielefabrik L. Kleefeld & Co.
Logo der Spielefabrik L. Kleefeld & Co. mit dem Fürther Kleeblatt (→Bildnachweis)

Ab 1884 war in den Fabrikgebäuden auch die Produktion der Spielefabrik L. Kleefeld & Co. untergebracht, die im selben Jahr von dem Fürther Kaufmann Ludwig Kleefeld (1857 – 1908) mit Hilfe der Familie Löwensohn gegründet wurde. Die beiden Unternehmen ergänzten sich gegenseitig. So stellte die Bilderbücherfabrik Löwensohn für die Spielefabrik L. Kleefeld & Co. die Aufdrucke für die verschiedenen Brett-, Karten-, Beschäftigungs- und Kubusspiele her, auf die sich Ludwig Kleefeld spezialisiert hatte. Ab 1888 arbeitete auch dessen Halbbruder Albert Rosenfelder als Prokurist in der Spielefabrik mit. 1890 stieg dieser mit der großen Summe von 100.000 Goldmark als dritter Teilhaber neben Bernhard und Theodor Löwensohn in das Geschäft der Bilderbücherfabrik Löwensohn mit ein.

In den nächsten Jahren entwickelte sich die Bilderbücherfabrik Löwensohn zu einem Unternehmen, das sein riesiges Sortiment, welches von Kinder- und Jugendbücher über Märchen- und Bilderbücher bis hin zu wissenschaftlichen Drucken über die Tier- und Pflanzenwelt reichte, in die ganze Welt exportierte. Das Credo, das auch auf dem Briefkopf des Unternehmens zu finden war, lautete Bilderbücher in allen Sprachen. So produzierte die Bilderbücherfabrik Löwensohn einen Großteil ihres Sortiments in Deutsch, Französisch, Englisch, Schwedisch, Dänisch, Niederländisch, Polnisch, Tschechisch, Ungarisch, Spanisch und sogar Russisch, wofür es extra eigene Lettern und Schriftsetzer benötigte.

Mit dem Tod von Kommerzienrat Bernhard Löwensohn am 19. September 1910 übergaben seine beiden Töchter Frieda Lessing (1882 – 1957) und Emmy Lessing (1887 – 1841) die Anteile an deren Onkel Theodor Löwensohn. 1914 veranlasste dieser zusammen mit Albert Rosenfelder den Bau eines weiteren modernen Fabrikgebäudes in der Maistraße 13.

Im weiteren Verlauf des Jahr gab es eine weitere große Umstellung. Mit Beginn des Ersten Weltkriegs im August 1914 mussten nun viele der hauptsächlich männlichen Fabrikarbeiter als Soldaten an die Front. Auch Theodor Löwensohns Sohn Gustav, der seit 1905 als Prokurist in der Geschäftsleitung der Bilderbücherfabrik Löwensohn gearbeitet hatte, wurde zum Kriegsdienst eingezogen. Ebenfalls veränderte sich das angebotene Sortiment grundlegend. Die Bilderbücherfabrik Löwensohn produzierte nun für alle Altergruppen vor allem Bücher, die dem damals überall vorherrschenden, patriotischen Zeitgeist entsprachen. Als Beispiel dient das Buch Unsere Feldgrauen. Deutsche und Österreicher. Soldatenbilder aus dem großen Krieg, das bereits kurz nach Beginn des Krieges Ende 1914 herauskam.

 

 

 

Noch während des Krieges war am 1. Juli 1916 auch der zweite der drei Teilhaber Kommerzienrat Albert Rosenfelder gestorben. Seinen Anteil an der Bilderbücherfabrik Löwensohn ging nun auf seinen Sohn Ernst Rosenfelder über, der sich zu dieser Zeit noch in den Vereinigten Staaten befand, sodass er erst nach seiner Rückkehr im Dezember 1919 sein Erbe antreten konnte. Im selben Jahr übergab auch Theodor Löwensohn seinen Anteil an der Bilderbücherfabrik Löwensohn an seine beiden Söhne Gustav und Robert Löwensohn ab. Die Leitung des Unternehmens übernahm als Geschäftsführer der mit 36 Jahren deutlich ältere Gustav, während sein Bruder Robert und Ernst Rosenfelder – 24 und 25 Jahre alt – ihn dabei unterstützten. Außerdem war Theodor Löwensohn bis zu seinem Tod am 10. April 1931 weiterhin als Seniorchef tätig.

Auch in den schwierigen Jahren nach Ende des Ersten Weltkriegs vergrößerte sich der Verlag weiterhin. Die ebenfalls wachsende Spielefabrik L. Kleefeld & Co. zog 1927 mit ihren bis zu 180 Arbeitern in das ehemalige Kaufhaus Berlin in der Nürnberger Straße 129 / Ecke Kurgartenstraße, sodass die Bilderbücherfabrik in der Sommerstraße nun mehr Platz hatte. Auch standen in dem neuen Gebäude in der Nürnberger Straße nun großzügige Verkaufsräume zur Verfügung, die ebenfalls von der Bilderbücherfabrik Löwensohn genutzt wurden. Während der Weltwirtschaftskrise kaufte die Bilderbücherfabrik Löwensohn 1929 die Pestalozzi Verlags-Anstalt mit Sitz im Berliner Grunewald.

 

Frabikgebäude Spielefabrik L. Kleefeld Co. Nürnberger Str. 129
Ehemaliges Kaufhaus Berlin in der Nürnberger Straße 129 / Ecke Kurgartenstraße um 1907 (→Bildnachweis)

 

Mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten im Januar 1933 wuchs auch der Druck auf die Bilderbücherfabrik Löwensohn. Am 1. April 1933 wurde in ganz Deutschland zum Boykott der jüdischen Bevölkerung aufgerufen. Der Fürther Anzeiger veröffentlichte eine umfangreiche Liste der „dem Boykott unterworfenen Juden und jüdischen Geschäfte in Fürth“. Auch die Bilderbücherfabrik Löwensohn und die Spielefabrik L. Kleefeld & Co. wurden darin genannt.  Zwei Jahre darauf sollte Ende 1935 außerdem den jüdischen Verlegern verboten werden, weiterhin Bücher zu drucken und zu verkaufen. Nach Aussage seiner Nichte Anne-Marie Vitkine (1920 – 2015) soll Gustav Löwensohn als 1. Vorsitzender der Vereinigung Deutscher  Bilderbücher-Verleger und -Fabrikanten e. V. daraufhin mit dem Zug nach Berlin gefahren sein, um dort bei dem zuständigen Reichsminister zu erwirken, dass die jüdischen Verlage weiterhin produzieren durften. Denn diese exportierten ihre Waren in alle Welt, was dem Staat dringend notwendige Devisen einbrachte, auf die man nicht verzichten konnte und wollte. Doch nach zwei Jahren Aufschub wurde der jüdischen Bevölkerung auch die Ausübung dieses Berufszweiges endgültig verboten. Mit dem 1. Dezember 1937 mussten die Familien Löwensohn und Rosenfelder alle ihre Anteile unter Druck an die Kunstanstalten May AG (KAMAG) in Dresden verkaufen. Die Firma wurde in eine GmbH umgewandelt und trat von nun an unter dem arischer klingenden Namen Pestalozzi-Verlag auf. Geschäftsführer wurde der langjährige Mitarbeiter und Prokurist Emil Franke (1907-1984).

 

 

 

Nach Ende des Krieges wurden 1949 50 % der Anteile an der ehemaligen Bilderbücherfabrik Löwensohn an die Familien Rosenfelder und Löwensohn zurückerstattet, von denen sie noch einmal 20 % an Emil Franke abgaben, der die beiden Familien immer untersützt hatte. Der Rest der Anteile blieb in Besitz der Kunstanstalten May. Im selben Jahr wurde auch ein Verwaltungsrat zur Leitung der Firma eingesetzt, dem als einziger Überlebender der alten Besitzer auch Ernst Rosenfelder angehörte. Dieser war außerdem – unterstützt durch seinen Sohn George Rogers – von seinem Londoner Büro aus für den Vertrieb der Kinderbücher des Pestalozzi-Verlags unter der eigens gegründeten Marke Brimax Books Ltd in den englischsprachigen Ländern zuständig.

 

 

 


 

Literatur- und Quellennachweise