Projektbeschreibung

Arbeitsbericht für die Teilnahme am Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten 2016/2017:

Los ging es zunächst mit der Suche nach einem Wettbewerbsthema, das für mich schnell
gefunden war.

In den Anregungen zur Spurensuche in der Wettbewerbsbroschüre sprach mich sofort der
Beitrag „Vaterland?“ an. Bereits seit längerem interessiere ich mich für die Geschichte des Ersten Weltkriegs. Im Keller meiner Großeltern entdeckte ich vor etwa drei Jahren alte Feldpostkarten sowie Bilder aus dem Ersten Weltkrieg, die unbehelligt in einem Schrank, eingesteckt in einem Postkartenalbum, lagen. Sie stammten von den beiden Brüdern meiner Uroma Friedrich und Johann Frühwald, die während des Krieges beide an der Westfront waren. Ich begann mich daraufhin intensiver mit dem Ersten Weltkrieg und vor allem mit dem Schicksal dieser Soldaten zu beschäftigen. Auch fragte ich in der Verwandtschaft herum und entdeckte noch weitere Feldpostkarten und -briefe sowie Fotos, Orden Tage- und Notizbücher von Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg, die alle mit meiner Familiengeschichte in Verbindung standen.

Einige dieser Soldaten trainierten für den Kampf im Schützengraben auch auf dem Truppenübungsplatz Hainberg, der sich auf dem Gebiet meiner Heimatstadt Oberasbach befindet. Per Zufall stieß ich so in der Chronik der Stadt Oberasbach von Helmut Mahr auf das heute fast vergessene Schicksal des jüdischen Kommerzienrates Albert Rosenfelder aus meiner Geburtsstadt Fürth, der vor etwas mehr als hundert Jahren auf dem Truppenübungsplatz unter bis heute ungeklärten Umständen durch einen Schuss in den Kopf getötet wurde.

Bereits mit den ersten Nachforschungen entdeckte ich, welche entscheidende Rolle die jüdischen Mitbürger während des Ersten Weltkriegs in Fürth spielten.

Hauptansatzpunkt meiner Recherche war zunächst das Fürther Stadtarchiv. Bei mehreren Besuchen im September und Oktober 2016 erhielt ich Einsicht in sämtliche gebundene Zeitungen der Region um die Jahrhundertwende, die originalen und handgeschrieben Fürther Chroniken von Paul Rieß, sowie die Personalakten, Geburts- und Sterbeurkunden der Familie von Albert Rosenfelder.

Auch nahm ich mit Hilfe des Nürnberger Stadtarchivars und Autors von rijo-research.de Gerhard Jochem Kontakt mit Nachfahren der Familie Rosenfelder auf. Anfang Oktober 2016 schrieb ich eine E-Mail an Roni Hamburger, der mit seiner Familie im israelischen Badeort Eilat am Roten Meer lebt und ein Urenkel Albert Rosenfelders ist. Er war sofort begeistert von meinem Interesse und bot mir seine Hilfe an. Neben zahlreichen Informationen übersetzte er für mich Ausschnitte der Autobiographie seiner Tante Elisheva Litan aus dem Hebräischen ins Englische.

Eine weitere E-Mail schrieb ich außerdem an Nigel Rogers, der in London lebt und ebenfalls ein Urenkel Albert Rosenfelders ist. Er unterstütze mich wirklich sehr in meiner Recherche und erzählte mir eine Vielzahl von Episoden seiner Familiengeschichte. Auch schickte er mir viele private Fotos aus den Familienalben, die einen spannenden Einblick in das damalige Leben geben. Nigel Rogers leitete mich außerdem an seinen Cousin Thomas Runkel weiter, dessen Eltern bereits 1945 ins zerstörte Deutschland zurückgekehrt waren. Schon am 5. November konnte ich ihn in seiner Nürnberger Wohnung besuchen, die voll von historischen Unterlagen, Dokumenten und Erinnerungen an seine Familiengeschichte ist, die für meine ebenfalls Recherche besonders wertvoll waren.

In engen Kontakt steht Thomas Runkel auch heute noch außerdem mit den Nachfahren der Familie Löwensohn, die heute in Frankreich leben. Als Mitinhaber der Bilderbücherfabrik Löwensohn ist Albert Rosenfelders Lebenslauf eng mit dem der Familie Löwensohn verbunden, die durch ihre zahlreichen Stiftungen großes Ansehen in Fürth besaß. Besonders die Biographien der beiden Brüder Gustav und Robert Löwensohn, die beide als Soldaten während des Ersten Weltkriegs dienten und später ein Opfer der Shoah wurden, sind dabei besonders bezeichnend für das jüdische Leben in Deutschland während und nach dem Ersten Weltkrieg.

Neben weiteren Recherchen im Fürther Stadtarchiv fuhr ich außerdem nach München, wo ich im Kriegsarchiv des bayerischen Hauptstaatsarchivs die Offizierspersonalakten von Robert Löwensohn auswerten konnte. Besonders interessant waren dabei ein handgeschriebener Lebenslauf und eine Empfehlung Albert Rosenfelders, die Robert Löwensohn für den Offiziersdienst vorschlug.

Zusätzlich konnte ich Anfang Dezember 2016 dank meiner Tutorin Felizitas Handschuch und der Mitarbeiterin Katrin Thürnagel das nicht-öffentliche Archiv des Jüdischen Museums Franken besuchen. Hier konnte ich ebenfalls einiges an neuen Informationen und Literatur gewinnen. Das Museum ist außerdem im Besitz mehrerer Aufnahmen und Feldpostkarten des jüdischen Fliegers Max Holzingers aus Fürth, um den ich meinen Personenkreis erweiterte. Seine spannende Biographie bildete einen Teil der bekannten Publikation Jüdische Flieger im Weltkrieg von Felix A. Teilhaber, die versuchte die Rolle der jüdischen Flieger nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

Im selben Buch befindet sich auch ein Eintrag über den in Fürth geborenen Künstler und Jagdflieger Benno Berneis, auf dessen Schicksal ich erstmals über die Biographie Gustav Löwensohns stieß. Zusammen besuchten sie das Humanistische Gymnasium in Fürth und blieben wohl zeitlebens befreundet. Erstmals nach fast hundert Jahren wurden nun einige seiner Werke in einem eigenen Raum in der Berlinischen Galerie ausgestellt. Möglich gemacht hatte dies eine Schenkung von Monika Schrem aus Giengen an der Brenz. Ihre Familie war eng mit Benno Berneis’ Schwester Frida Langer befreundet und kümmerte sich nach deren Tod im April 1942 um ihren Nachlass und den ihres Bruders.

Als Autor im FürthWiki, dem Wikipedia der Stadt Fürth, schrieb ich einen Artikel über den heute in Fürth völlig vergessenen Künstler. Diesen las auch die Fürther Stadtheimatpflegerin Karin Jungkunz, die fast gleichzeitig durch Zufall auf Benno Berneis aufmerksam geworden war und darauf aufbauend in den Fürther Nachrichten einen Artikel über die Wiederentdeckung von Benno Berneis in Berlin schrieb. Diesen wiederum las auch der Fürther Oberbürgermeister Thomas Jung, der anregte, Werke von Benno Berneis in Fürth zu zeigen und auch gleich in der Berlinischen Galerie anfragte. Im August 2018 soll nun eine Ausstellung mit Werken Benno Berneis‘ in der städtischen kunst galerie fürth veranstaltet werden.

Am 4. Januar traf ich mich erstmals auch mit Frau Jungkunz in ihrer Fürther Wohnung, um uns über Benno Berneis auszutauschen. Sie bat mich außerdem darum, für sie eine kurze Biographie mit einer Liste seiner Ausstellungen zu erstellen, um aufzeigen zu können, welche Bedeutung Benno Berneis in der Berliner Kunstwelt vor 1914 hatte.Geplant wurde außerdem ein Besuch in der Berlinischen Galerie am 17. Februar. Gemeinsam mit Karin Jungkunz, ihrem Mann Alexander Jungkunz und Herrn Guido Faßbender, der als Kurator für Bildende Kunst in der Berlinischen Galerie arbeitet, sahen wir uns in der Ausstellung und im Depot der Berlinischen Galerie die Werke von Benno Berneis an.

Ab Mitte Januar ging es nun darum, die gesammelten Informationen aufzubereiten. In meiner Arbeit sollten dabei besonders die Biographien dieser 5 Personen im Vordergrund stehen. Sie vermitteln einen persönlichen Eindruck von der Zeit und machen Geschichte erlebbar. Mit dieser Intention machte ich mich auch daran, einen Stadtrundgang mit mehreren Stationen auszuarbeiten, anhand derer man die Spuren jüdischen Lebens in Fürth nachvollziehen kann. Für den Sommer sind bereits mehrere Stadtrundgänge mit den 8. Klassen meiner Schule geplant, die zu dieser Zeit auch im Geschichtsunterricht das Thema „Erster Weltkrieg“ behandeln.

Die Ergebnisse meiner Spurensuche sind zusätzlich zu dieser Arbeit auch auf der von mir erstellten Website http://www.fiorda1418.wordpress.com verfügbar, um sie so wieder einer möglichst breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen und vor dem endgültigen Vergessen zu bewahren.

Ergänzt werden soll diese Seite in Zukunft um die 58 Schicksale der Jüdischen Kriegsopfer
Fürths. Für jeden Namen auf dem Denkmal am Neuen Jüdischen Friedhof wird eine kurze Biographie geschrieben werden. So soll schließlich ein umfassender Eindruck von der jüdischen Bevölkerung zur Zeit des Ersten Weltkriegs in Fürth entstehen. Geschehen ist dies bisher für die Jahre 1914, 1915 und teilweise für 1916.

So ist meine Spurensuche auch mit der Abgabe des Wettbewerbsbeitrags noch lange nicht zu Ende!

Erst vergangenen Montag kontaktierte mich Frau Schrem aus Giengen an der Brenz, die meine kurze Biographie von Benno Berneis auf der Seite der Stadtheimatpflege Fürth gelesen hatte, wo Frau Jungkunz sie in der Rubrik Gastbeiträge veröffentlicht hatte. Gemeinsam mit den Nachfahren der Familie soll erarbeitet werden, wie das Andenken der Familie Berneis in Fürth aussehen kann. Vor allem das Leben von Benno Berneis gibt noch viel Anlass zum Forschen. So arbeite ich derzeit in Vorbereitung auf die Ausstellung im August 2018 zusammen mit Frau Jungkunz an einer Art Werkverzeichnis und versuche herauszufinden, wo und in welchem Besitz sich weitere Arbeiten des Fürther Künstler befinden.

Es bleibt also noch viel zu tun!

Denn Religion – ob gelebt oder abgelehnt – machte Geschichte! Sie verhinderte aber auch
Geschichte – diesem Vergessen möchte ich entgegenwirken.

Oberasbach, den 26. Februar 2017

Simon Rötsch