Religion macht Geschichte – Religion verhindert Geschichte?

RELIGION MACHT GESCHICHTE. Vor allem für die vorgestellten 5 Biographien trifft das zu, bestimmte doch ihre jüdische Religion auch immer ihr gesamtes Leben. Ob abgelehnt oder angenommen, gelebt oder nicht war die jüdische Religion trotzdem ein Teil von ihnen, so wie sie ein Teil der gesamten jüdischen Bevölkerung Fürths war. Der Beginn des Ersten Weltkriegs machte diesen Teil für viele Juden ein Stück weit kleiner. Der Kaiser kannte keine Parteien mehr, sondern nur noch Deutsche. Auch jüdische Deutsche zählten genauso wie Protestantische oder Katholische dazu. Umso herber dann der Rückschlag: Die Judenzählung von 1916 und der Versailler Vertrag mit der von dem Militär verbreitenden Dolchstoßlegende zeigten, wie schnell alte antisemitische Vorurteile wieder aufgegriffen wurden. Trotzdem fühlten sich viele Juden bis zuletzt sicher. Als Frontsoldaten aber auch in der Heimat hatten sie für den Sieg Deutschlands gekämpft, wer sollte ihnen etwas anhaben können. Robert Löwensohn, dem 1942 die Flucht in die französische zone libre gelungen war, stellte sich bei einer Razzia gegen die jüdische Bevölkerung in Lyon am 26. August 1942 freiwillig der französischen Polizei mit den Worten „Je suis un officier prussien“ – „Ich bin ein preußischer Offizier“, um klar zu stellen, dass er als Frontoffzier und Bekämpfer des Kommunismus von ihnen nicht zu belangen war. Kurz darauf wurde er zusammen mit seiner Frau Ella in das französische Sammellager Drancy und von dort aus weiter nach Auschwitz deportiert.

RELIGION VERHINDERT GESCHICHTE. Auch die zweite Aussage steht wohl – scheinbar gegensätzlich zur Ersten – für das Leben der 5 Protagonisten. Ihre Religion verhinderte, dass ihre Geschichte nach langen Zeiten des Nationalsozialismus, der Shoah und des darauf folgenden Vergessens über 100 Jahre brauchte, um wieder erzählt zu werden. Vor allem das Schicksal von Benno Berneis zeigt dies exemplarisch. Nach dem tödlichen Abschuss über Saint-Souplet im August 1916 ging der Großteil seines Nachlasses zunächst an seine Eltern in Berlin, die nach ihrem Tod die zahlreichen Zeichnungen, Gemälde und Dokumente an ihre Tochter, Benno Berneis Schwester Frida Langer, vererbten. Über einen Bekannten hatte diese eine Stelle als Designerin im Musterzimmer der Steiff Puppenfabrik in Giengen an der Brenz bekommen. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933 sah auch sie sich vermehrt den antisemitischen Repressalien des Regimes ausgeliefert. Nachdem mehrere Versuche, ins Ausland zu emigrieren, gescheitert waren, beging sie kurz vor ihrer drohenden Deportation ins jüdische Ghetto Izbica vermutlich mit einer Überdosis an Tabletten am Karfreitag 1942 Selbstmord. Ihr Haus und den Großteil ihres Nachlasses und den ihres Bruders vererbte sie ihrem Lebensgefährten Albert Schrem, dem zu dieser Zeit bereits der Umgang mit ihr verboten worden war. Es dauerte daraufhin über 70 Jahre bis ein Teil des Werkes von Benno Berneis wieder in Berlin zu sehen war.

Religion kann also auch durchaus verhindern, dass Geschichte gemacht wird. Doch dem soll mit dieser Arbeit entgegengewirkt werden!